visavis papierkunst

Zart, fragil und unerwartet

Leicht wie ein Wimpernschlag kommen die Arbeiten von Traudel Stahl daher: Kombinationen aus Papier, Naturmaterialien wie Gräser, Rinde, Äste, Kozo (Rinde des Maulbeerbaumes) und rostigen Eisenteilen vom Schrottplatz. Da begegnen einem Formen wie „Seerose“ und „Himmelsleiter“, die „Arche Noah“, aber auch die „Weltkugel“: der Planet in leichtes Papier geschöpft, zerbrechlich und bereits löcherig die Oberfläche. Als Ganzes und im Material dennoch erstaunlich stabil, hängt die Welt am seidenen Faden – gehalten durch einen Grashalm.

Das Nichts wirkt mit, Luft ist Bestandteil der Kunstwerke, Löcher unterstreichen die Zartheit. Das Weiß des Papiers kontrastiert zu den dunklen Materialien, die Leichtigkeit steht dem Schweren gegenüber. Die Papierarbeiten atmen einen Geist der leichten Inspiration, sind wie Naturwesen, die leise summen, surren und erzählen, könnten sie Töne von sich geben. Die Naturmaterialien unterstreichen die Zartheit, die rostigen Eisenteile geben einen kräftigen Kontrast in Farbe, Form und Material.

Die in leichte Pastelltöne getauchte Bildreihe „Erdbeer-Sahne“, „Pistazie“, „Schoko-Sahne“ und „Stracciatella“ kokettiert mit der sommerlich süßen Verführung und verwandelt die Stofflichkeit des Papiers in eine luftig-fluffige Anmutung, die den Geruch der Köstlichkeit erahnen lässt.

Die Künstlerin experimentiert, eine neue Serie entsteht: Bewegendes Papier. Damit geht Traudel Stahl einen Schritt weiter in den Raum, folgt der Leichtigkeit und Dreidimensionalität. Aus handgeschöpftem Papier über Peddigrohr gespannt, entstehen an einem Faden hängende florale und figurative Raumobjekte. Menschen durchqueren den Raum, ein Luftzug entsteht, die Bewegung überträgt sich auf die Objekte, die dem Moment des Geschehens folgen und gleichzeitig Teil des Prozesses sind: der Tanz des Augenblicks. 

Mit der Serie Fährten 1, 2 und 3 bewegt sich Traudel Stahl in die Weite der Natur. Fast könnte man meinen, sie sei draußen gewesen in der Steppe, habe aufgesammelt, im Atelier sortiert und dann komponiert. Tatsächlich ist das die Basis, sie variiert Naturmaterialien, Fundsachen von ihren Streifzügen im Wald, auf Wiesen und Feldern: getrocknete Irisstängel, Grashalme, Peddigrohr. Doch hinzukommen auch Spuren von Kaffee und rostiges Eisen. Versehen mit grafischen Zeichen entstehen Kompositionen, die horizontal und vertikal den Raum ausloten – die Aura archaischen Spurenlesens einfangen und als Objekt weitertragen: Hitze, Staub, Wüste, und der Traum einer angefüllten Leere.

Traudel Stahl arbeitet seit 1989 als freie Grafik-Designerin in Köln. Mit ihrer Papierkunst bewegt sie sich vom zweidimensionalen in den dreidimensionalen Raum des Papiers. „Mich reizt schon immer die besondere Haptik von Papier: glatt, rau, weich, warm. Weiß ist nicht gleich weiß, mit verschiedenen Papiersorten und Kontrasten zu anderen Materialien ergeben sich unendlich viele Töne und überraschende Formen.“

Text: Veronika Schenk, Autorin